ÖAMTC - Kopfstützentest
Februar 2001
 

Der Heckaufprall ist der häufigste Unfall überhaupt. Dabei treten zwar meist keine schweren Verletzungen auf, sehr häufig aber kommt es zu dem berüchtigten HWS (Hals-Wirbel-Säule)-Schleudertrauma. Es steht an erster Stelle der Verletzungen von Fahrzeuginsassen. Die Folgen des HWS-Schleudertraumas reichen von kurzzeitigen Nackenschmerzen bis zu Dauerschädigungen mit permanenten Schwindelgefühlen und Kopfschmerzen. Die Kosten, die durch dieses Krankheitssymptom jährlich entstehen, werden europaweit auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt.

Zwar sind einige medizinische und technische Fragen noch nicht ganz geklärt, doch geht man davon aus, dass bessere Sitze und Kopfstützen das Verletzungsrisiko wesentlich reduzieren können. Um die Leistungsfähigkeit der Autositze, die heutzutage auf dem Markt angeboten werden, aufzuzeigen, hat der ÖAMTC in Zusammenarbeit mit elf europäischen Automobilclubs erstmalig einen vergleichenden Test von Kopfstützensystemen durchgeführt. Das Ergebniss zeigt zum einen den derzeitigen Stand der getesteten Modelle. Zum anderen lassen sich daraus aber auch Forderungen ableiten, wie die Autositze verbessert werden können.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse:

Die Ergebnisse des ÖAMTC-Fahrersitztestes zeigen deutliche Unterschiede, und zwar sowohl hinsichtlich der Schutzwirkung gegen ein HWS (Hals-Wirbel-Säule) - Schleudertrauma als auch hinsichtlich der Sitzfestigkeit.

Das Gesamturteil "sehr gut" erhielt nur einer der elf getesteten Sitze, der Volvo V 70. Er ist mit dem "aktiven" Lehnensystem WHIPS (Whiplash Protection System) ausgestattet. Die besondere Eigenschaft von WHIPS ist ein Scharnier an der Unterseite der Sitzlehne, das es ermöglicht, dass sich die Lehne nach hinten bewegt. Dies reduziert die Vorwärtsbeschleunigung des Rumpfes beim Aufprall und minimiert das Verletzungsrisiko des Fahrers.

Die Note "gut" erreichten fünf Sitze: Ford Mondeo, Saab 9-5, Ford Focus, Nissan Almera und VW Golf IV. Ford Mondeo, Saab 9-5 und Nissan Almera sind mit "aktiven" Kopfstützensystemen ausgestattet. Die vier "aktiven" Kopfstützen sind in ihrer Bauweise sehr ähnlich, das Funktionsprinzip ist gleich: Der Druck auf die Rückenlehne nach dem Aufprall wird über einen Hebel direkt in eine Vorwärtsbewegung (Kippen) der Kopfstütze umgesetzt. Das System ist also eine Art Wippe.

"Zufriedenstellend" schnitten zwei Sitze ab: Opel Astra und BMW 3-er Reihe. Nur der Opel Astra-Sitz ist mit einem "aktiven" Kopfstützensystem ausgestattet.

Mit dem Urteil "ausreichend" wurden drei Sitze bewertet: Renault Mégane, Fiat Brava und Mercedes A-Klasse. Der Mercedes A-Klasse-Sitz fiel durch mangelhafte Schutzwirkung auf und sollte unbedingt verbessert werden. Renault Mégane und Fiat Brava zeigen eine nur ausreichende Sitzfestigkeit, sie liegt nur wenig höher als die gesetzliche Mindestanforderung. Der Fiat Brava hat außerdem eine nur ausreichende Schutzwirkung.

Der Test machte deutlich, dass es technisch möglich ist, mit geeigneten "aktiven" Systemen eine sehr hohe Schutzwirkung beim Heckaufprall zu erreichen, und damit das Risiko eines HWS-Schleudertraumas deutlich zu reduzieren.

Doch ein "aktives" System allein ist noch kein Garant für eine gute Schutzwirkung. Sie ist nur gegeben, wenn der Abstand zwischen Hinterkopf und Kopfstütze nicht zu groß und der Aktionsweg der Kopfstütze beziehungsweise der Lehne richtig dimensioniert ist.

Neben der guten Schutzwirkung, die bei einem leichten Heckaufprall zum Tragen kommt, ist eine ausreichende Sitzstabilität erforderlich, damit die vorne sitzenden Passagiere bei einem schweren Heckaufprall in Sitzposition bleiben und die Passagiere auf den Rücksitzen durch kippende oder brechende Vordersitze nicht gefährdet sind.

Der Sitz-Test zeigte auch, dass sich die Schutzwirkung der Kopfstütze verschlechtert, wenn sie falsch eingestellt ist. Die Kopfstütze des Volvo V 70 ist nicht verstellbar, eine Fehleinstellung also nicht möglich. Einige Sitze sind für größere Personen über 1,75 Meter nicht mehr optimal einstellbar. Die volle Schutzwirkung ist für diesen Personenkreis nicht mehr gewährleistet.

Ein weiteres Ergebnis des Tests: Ein großer, horizontaler Abstand zwischen Kopf und Kopfstütze ist unter anderem für eine hohe HWS - Beanspruchung verantwortlich. Ein gewisser Abstand ist aber für die notwendige Bewegungsfreiheit des Kopfes beim Autofahren erforderlich. Die wesentliche Aufgabe einer "aktiven" Kopfstütze ist es, unmittelbar beim Heckaufprall diesen Abstand zum richtigen Zeitpunkt zu verkürzen.

 
Ergebnisse
 
Notengrenzen
 
So wurde getestet
Ergebnisse:
Fahrersitzmodelle

Einstell
barkeit

Schleuder
trauma
schutz

Sitz
festigkeit
 

Gesamturteil
Volvo V70

1,80

++ ++ sehr gut
Ford Mondeo

1,75

++ o gut
Saab 9-5

1,85

++ o gut
Ford Focus

1,80

+ ++ gut
Nissan Almera

1,80

+ + gut
VW Golf IV

1,75

+ o gut
Opel Astra

1,85

o ++ befriedigend
BMW 3-er Reihe

1,80

o + befriedigend
Renault Megane

1,90

o ausreichend ausreichend
Fiat Brava

1,70

ausreichend ausreichend ausreichend
Mercedes A-Klasse

1,90

- + ausreichend
Notengrenzen:
Beurteilungsmaßstab                                                                                         
sehr gut 0,6 bis 1,5 ++ sehr gut
gut 1,6 bis 2,5 + gut
befriedigend 2,6 bis 3,5 o befriedigend
ausreichend 3,6 bis 4,5 ausreichend ausreichend
mangelhaft 4,6 bis 5,5 - mangelhaft

 

Fazit für Verbraucher und Hersteller

 

Wichtig für den Verbraucher:

  • Achten Sie stets auf die optimale Einstellung der Kopfstütze.
  • Grundsätzlich sollte die Kopfstützenoberkante auf Scheitelhöhe des Kopfes positioniert, auf keinen Fall aber tiefer als auf Augenhöhe eingestellt sein. Eine genaue Beschreibung finden Sie in der Bedienungsanleitung Ihres Fahrzeuges.
  • Weiters sollte der horizontale Abstand zwischen Kopfstütze und Hinterkopf möglichst klein sein - Faustformel zwei Fingerbreit. 

 

Forderungen an die Fahrzeughersteller:

  1. Alle neuen Fahrzeugmodelle mit gut abgestimmten, "aktiven" Kopfstützen/Lehnensystemen ausrüsten
  2. Alle neuen Fahrzeugmodelle mit stabilen Sitzen ausrüsten
    Die bestehende gesetzliche Mindestanforderung (530 Nm um den R-Punkt) ist viel zu niedrig und kein Garant für eine ausreichende Sitzstabilität. Die Automobilclubs fordern hier mindestens 2.400 Nm.
  3. Kopfstützen so auslegen, dass sie für eine Personengröße von mindestens 1.90 Metern einstellbar sind

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12.02.2001 | Copyright 2001 by ÖAMTC